Einige Überlegungen zur Streitfrage „Halsband oder Geschirr?“

Wir danken Herrn Dr. Zohmann und Frau Quandt für die freundliche Genehmigung der Verwendung ihres Leserbriefes.

 

Den Text, auf den sich diese Antwort bezieht, findet ihr - zusammen mit einer weiteren Antwort von Mitgliedern der AG Osteopathie - z.B. auf dieser Seite:

Die-Mensch-mit-Hund -Schule

Leserbrief als Antwort auf einen Artikel in "Der Hund" 7/2010, Ss. 34-37

Grundsätzlich wären die Gedanken der Autorin nicht so unplausibel, wenn nicht die eine oder andere anatomische „Kleinigkeit“ zu wenig bzw. falsch bedacht wurde:

 

So wird auf das Beutereißen wie auch auf die Zerrspiele verwiesen, was nur durch eine kräftige Nackenmuskulatur bewerkstelligt werden könne. Das ist richtig, aber es wird dabei vergessen, dass die Vierbeiner für solche Aktivitäten wie auch allein für das Aufrechttragen des Kopfes zwar eine sehr kräftige, oberhalb der Halswirbelsäule befindliche Nacken- aber dazu eine relativ schwache untere Halsmuskulatur aufweisen. Und wiederum ein Teil dieser, so schon schwach angelegten Muskulatur dient der Bewegung von Kehlkopf und Zungenbein. Die etwas mehr seitlich am Hals verlaufende Muskulatur wird dominiert von Muskeln, die dem kräftigen Vorführen des Vorderlaufes dienen (ziehen vom Hals an Schulterblatt bzw. Oberarm).

 

Was geschieht also bei Zug oder Ruck nach hinten durch die Halsung? Eine relativ schwache Muskulatur an der Unterseite des Halses versucht, dem Zug von hinten entgegenzuwirken – wenig Schutz der Luftröhre und der Halswirbelsäule sowie Beeinträchtigung z. B. des Schluckens!

 

Was geschieht bei Zug oder Ruck durch die Halsung oder ein schlecht sitzendes oder aber schlecht durchdachtes Brustgeschirr? Druck auf die mehr seitlich verlaufende Muskulatur, die zum Ausschreiten eingesetzt werden soll und nunmehr behindert wird – der Hund läuft nicht mehr im normalen Bewegungsablauf, sondern mit den Vorderextremitäten im verkürzten, sogenannten „gebundenen“ Gang (durch muskulären Fehlzug kommt es in der Folge zu Zug- und Scherkräften speziell an den letzten Hals- und ersten Brustwirbeln).

 

Was geschieht bei Zug oder Ruck durch ein gutes Brustgeschirr? Bei Einsatz z. B. eines Norweger-Geschirres mit breitem Brustgurt verläuft dieser über den Schaufelfortsatz des Brustbeines und die beiden Schultergelenke, also weder die Beugung noch die Streckung dieser Gelenke beeinträchtigend – der Zug erfolgt von hier nach schräg hinten oben oder in flachem Winkel nach hinten (ideal wäre natürlich ein solches Geschirr, bei dem Brust- und Bauchgurt individuell verstellt und angepasst werden könnten).

 

Der Brustkorb bzw. die Rippenatmung würde nur eine Beeinträchtigung erfahren (so wie es die Autorin beschreibt), wenn der Zug direkt von oben auf den Bauchgurt einwirken würde, also der Hundeführer den Hund quasi in die Luft zu heben versucht.

 

Aus orthopädischer Sicht ist abschließend festzustellen, dass Hunde mit chronischen Problemen der hinteren Halswirbelsäule oder vorderen Brustwirbelsäule häufig nach der Umstellung von einer Halsung auf ein geeignetes Brustgeschirr eine deutliche Besserung der Symptomatik zeigen.

Gerade der Zug auf ein Halsband nach hinten oben führt zur Anhebung der Halswirbelsäule und damit zur massiven Belastung der Bandscheiben, was Wegbereiter bzw. Auslöser eines Bandscheibenvorfalls sein kann.

 

Aus derzeitiger Sicht der Hundeanatomie und –orthopädie geben wir klar einem gut angepassten Norwegergeschirr den Vorzug vor dem Halsband – im Sinne unserer Patienten wie auch im Sinne der Vorsorge.

 

Dass eine gute Erziehung die Diskussion nahezu unnötig macht, liegt aber ebenso auf der Hand.

 

 

Anette Quandt, Tierärztin mit Schwerpunkt Orthopädie, 17489 Greifswald;

FTA Dr. Andreas Zohmann, Zb. Physikalische Medizin, Leitender Tierarzt Vierbeiner Reha-Zentrum und Leiter Private Akademie für erweiterte Tiermedizin, 34537 Bad Wildungen

 

 

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